70 Jahre Grundgesetz

70 Jahre Grundgesetz

„Ich gelobe, die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren und die Pflichten eines Rechtsanwalts gewissenhaft zu erfüllen“ (§12a BRAO) sind die ersten Worte eines jeden Rechtsanwalts.

Und wenn wir uns das Grundgesetz anschauen, richtig nah betrachten, werden wir die Spuren der schweren Geburt erkennen. Einige Narben sind noch immer da und andere sind bereits verheilt. Wenn wir uns der Verfassung zuwenden, müssen wir anerkennen und annehmen, dass wir einen langen schwierigen Weg hinter uns gelassen haben und einen weitaus längeren Weg vor uns haben. Um diesem Weg die Wendung und die Bedeutung zukommen zu lassen, den es auch würdig ist, sind es wir, deren Handlungen jene Werte bilden werden.

Es sind wir, die eine Verantwortung gegenüber jedem in unserer Gesellschaft haben. Wie wir miteinander umgehen, ist die Bildung der Werte, die wir täglich verteidigen wollen. Auch heute müssen wir uns an Werte der Vergangenheit messen lassen, damit wir neue Werte anstreben und ansteuern können.

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“ (Präambel GG) können wir nur, wenn wir die Verfassung mehr denn je verteidigen.  

Das Grundgesetz wurde in seiner jetzigen Form am 23.05.1949 angenommen, aber erschaffen wurde es schon all die Jahre davor. Jedes Unrecht, das das Grundgesetz vermeiden will, wurde bereits begangen. Jede Möglichkeit das Leben und die Persönlichkeit eines jeden zu schützen zu wollen, ist aus dem Umstand entstanden, dass zuvor eben diesem ein Unwert entgegengebracht wurde.

Aus dieser Erkenntnis heraus sollten wir das Grundgesetz in Ehrfurcht halten und unsere Verantwortung nicht vergessen.

In Zeiten der Populisten und der Werteveränderung, in Zeiten der NSU und Terroranschläge steigt unsere Verantwortung, sich der Verfassung zuzuwenden.

Die Verantwortung liegt aber nicht darin, an Worten festzuhalten, sondern zu erkennen, wozu Menschen in der Lage sind. Zu erkennen, was menschliches Versagen für Folgen hat und welche Kraft aus der Einigkeit entstehen kann und welche Kraft notwendig ist, diese zusammenzuhalten. Zu erkennen, welche Wirkung ein Sprechchor auf einen einzelnen hat und wie soziale Medien im Versuch des Austauschs kläglich versagen und der Austausch innerhalb der Werte und Hemmschwellen stattfindet. Es war noch nie so leicht, die Würde eines Menschen unter einem „Like“ zu subsumieren.

Und dennoch geht die Kraft und die Macht vom Volke aus, und in entscheidenden Moment gilt es jedem entgegenzutreten, der diese Macht mit Gewalt verwechselt. Gewalt begegnen wir in vielen verschiedenen Formen mit dem Ziel, unsere Menschlichkeit, unsere Würde und unsere Identität anzugreifen.

Unsere Identität definieren wir über unsere Menschlichkeit und wahren so unsere Würde, denn die Würde des Menschen ist unantastbar.